Mittwoch, 25. April 2012

Bleu Charette

Vor etwa drei-vier Jahren saßen wir im Wohnzimmer meiner Freundin, an einem nostalgisch gedeckten Kaffeetafel und feierten ihr Geburtstag mit ihrer Familie und Freunde. In einem großen Ohrensessel saß eine sehr schicke alte Dame, ihre Oma.
Ich bewunderte das wunderschöne Küchenbuffet,  die hier stand und so kamen wir ins Gespräch.
Ich glaube,  ihre erste Frage war,  ob ich französich spreche.  Ich musste sie leider enttäuschen. Es schien ihr sehr wichtig zu sein. Sie hatte eine große Liebe an Frankreich,  sprach fließend französisch und las französische Literatur in Originalsprache.
Das Kuchenbuffet (ein traumhaftes Original aus den 20-er 30-er Jahren) ihrer Enkelin,  fand sie zwar nicht schlecht, aber es gehöre auf keinem Fall ins Wohnzimmer.
Sie hätte auch ein in ihre Küche stehen,  in Bleu Charette.  Ob,  ich wüsste um welche Farbton es handele? Nein, ich wusste es nicht und so langsam fühlte ich mich etwas ungebildet.
Es ist ein provencalischer Blau. "Wägelchen Blau". Langsam schimmerte mir etwas.  In diesem Farbton wurden früher in der Provance die Lavendelwägen gestrichen. Sie brachte die Farbe direkt von dort mit,  um nicht den Farbton zu verfehlen und strich ihre Küchenmöbel,  um die eine besondere Note zu verleihen.
Ein-zwei Jahre später standen wir in ihre imposante Altbauwohnung. Sie war nicht mehr dabei. Die Familie war da und Freunde. Es liefen leise französische Chansons vom alten Schallplatten im Hintergrund,  alle grüßten sich freundlich, bewegten sich leise und fast vornehm, als hätten sie Bedenken, dass sie gleich um die Ecke kommen könnte und was zu bemängeln hätte.
Wir unterhielten uns,  hörten Anekdoten über Sie und ich bewunderte die beindruckende Bibliothek, die besser sortiert war, als in der Bücherei. Die ganze Wohnung war, wie aus einem anderen Welt.
Aus der Küche duftete verführerisch nach frisch gebrühtem Kaffe und Kuchen.
Als ich sie betrat, leuchtete mir alles in Bleu Charett entgegen. Es war einfach beeindruckend.
Ich ging durch die Räume, fand ich einen  Zeitungständer aus den 50-er Jahren, schöne Vintagetaschen,  einige tolle Bücher und  haufenweise original Marseiller Seifen.
Ich traute mich kaum nach den Küchenmöbel zu fragen. Ich war mir sicher, dass sie schon neue Besitzer hatte, wie großteil der Möbel. Ich hatte aber Glück.  Keiner wollte die leuchtend blaue, sehr massive Möbel haben.
Einige Tage später standen  sie in Julias Zimmer,  was  kurzerhand in eine provencalische Landhausküche sich verwandelte.  Irgendwie passte es.  Julias große Liebe an Frankreich, meine an diese Geschichte- ich liebe Möbel mit Geshcichte!  Ich glaube sie hätte sich gefreut.
Nach einer Weile müssten wir aber feststellen, dass das Bleu Charett doch eine zu große Leuchtkraft  unter norddeutschen Lichtverhältnissen hat und die Möbel in einem Raum doch zu provenzalisch rustikal sind.
Letzte Woche haben wir geschliffen,  gestrichen und aufgeteilt.

 Der Riese und ein kleineres Regal bleiben in Emils neuem,  Julias ehemaligem Zimmer

und bekommen nach fleißigem Schleifen und Streichen ein dezenteres Dunkelgrau.


Das Küchenbuffet wandert zu Julias neuem,  Lillys ehemaligem Zimmer,  mit dem Küchentisch, als Schreibtisch zusammen und strahlen nun in Hellgrau.
Die Stühle kommen in das Gartenhäuschen und einige werden ihre leuchtende Farbe behalten,  als Erinnerung an die Geschichte vom Bleu Charette.








Kommentare:

  1. Wie schön Du das geschrieben hast. Mit so warmen Worten und so lebendig, das saß ich kurz neben "Oma bleu" und schlich kurz mit Euch durch die Altbauwohnung.
    Und das Schönste war, ich stand auch wieder kurz in der Wohnung meiner (TickTack)Omi, da war ich 18 als sie starb und niemand außer mir sich für ihre Möbel interessierte.

    Ich liebe auch Möbel mit Geschichte.
    Danke für den Frankreich-Kurzurlaub

    LG
    Janna

    AntwortenLöschen
  2. die geschichte schreibt das leben!
    das ist doch wieder wundervoll!
    und das du so am ende der geschichte stehst.
    klasse.
    glg
    steffi

    AntwortenLöschen
  3. Eine wunderschöne Begebenheit! Ich kann mir die alte Dame dank Deiner schönen Worte richtig gut vorstellen. Und gerade diese Geschichten, obwohl man sie meistens gar nicht kennt, verleiten mich immer wieder zu alten, schon gebrauchten und gelebten Dingen.

    Wunderbar, dass Du diese Episode Deines Lebens mit uns teilst!

    Liebst,
    Steph

    AntwortenLöschen
  4. was für eine schöne geschichte! schön, dass bei euch die möbel ein neues lebne bekommen!
    liebe grüße :)

    AntwortenLöschen
  5. Eine großartige Geschichte - danke, dass Du uns daran teilhaben lässt!

    Ich finde es schön, dass ihr den Möbeln ein neues Zuhause gegeben habt!

    Viele liebe Grüße

    AntwortenLöschen
  6. liebe éva, das ist eine wunderschöne geschichte, die du für uns aufgeschrieben hast. ich fühlte mich auch richig in diese französisch inspirierte wohnung versetzt. und ich bin ganz sicher, dass deine kinder die möbel genauso schätzen werden wie du. und das ist doch wunderbar!
    herzlichen gruß von mano

    AntwortenLöschen
  7. so eine rührende geschichte, da trauert man fast ein bisschen um bleu charette...
    herzlichst birgit

    AntwortenLöschen
  8. Das Leben schreibt die schönsten Geschichten, liebe Eva... Auch wenn es kein "Wägelchen Blau" mehr ist, die Möbel werden bei euch belebt und geliebt. Das würde der alten Dame gefallen!! Sonnige Grüße

    AntwortenLöschen
  9. Wägelchen Blau...wieder etwas gelernt und das eingepackt in eine solche wundervolle Geschichte. Schön!

    AntwortenLöschen
  10. Liebe Eva,
    eine tolle Geschichte!
    Ich kann's mir richtig vorstellen.
    Ganz ähnlich kam ich mir als Kind immer bei meiner Oma vor,
    die aus Südmähren stammte.
    Sie hatte so viel von ihrem zu Hause hierher mitgebracht, als sie vertrieben wurde.
    Natürlich keine Möbel, aber Rezepte, Ideen, Eigenheiten, Lieder, Bücher, ...
    Ich kam mir auch immer vor wie in einer anderen Welt.
    Ganz liebe Grüße
    und danke für diese Erinnerung!
    Melanie

    AntwortenLöschen